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Donnerstag, 26. April 2012

Aufwachen

Die Frage lautet warum hörst du auf
auf dich zu hören?
Aufzuwachen und wach zu bleiben
dir Fragen zu stellen?
[wach sein ist Leben]
Warum gibst du dich mit fremden
warum gibst du dich überhaupt mit Antworten zufrieden
hat es mit dem Frieden zu tun
den du zunehmend suchst
den du immer dringlicher vermisst
und wenn er schon außerhalb nicht zu erreichen ist
wenn er schon nicht in Wirklichkeit zu erreichen ist
dann soll es sich wenigstens für dich so anfühlen
und welche Möglichkeit hast du dann außer der
aufzuhören zu fragen und hin zu hören und stattdessen
einfach weiterzumachen und möglichst viel selbstverständlich zu finden
dafür die anderen Dinge die eigentlich selbstverständlich sind [aber nicht vernünftig]
in Frage zu stellen [die Vernunft in ihnen zu vermissen]
also zu fragen warum jemand schreibt und nicht
warum du plötzlich solche Angst vor dem Aufwachen hast.

Mittwoch, 18. April 2012

Von Werten, Geld und Texten

Was sind uns Texte wert, fragt Kathrin Passig und Malte Welding verlangt, dass wir über Geld reden müssen.
Paul Nizon behauptet, seine pädagogische Leistung habe darin bestanden, seinen Kindern ein Leben lang vorzuleben, wie es ist, kein Geld zu haben.

Freitag, 13. April 2012

Der Zug

1
Immer wieder besteigt er diesen Zug. Immer wieder reist er in die Vergangenheit. Es ist jedes Mal eine andere Vergangenheit [die Vergangenheit ändert sich im Gegensatz zu ihm]. Eine andere Vergangenheit, die an der Zukunft zerbricht. Die Reise auf diesen Abbruch zu.

2
Man kann nichts zurücklassen, außer ein wenig Nachdenklichkeit.

3
Kalt ist es. In den Körpern stirbt Zeit. Manifestiert sich als Vergänglichkeit. Er dreht sich um. Aber da ist niemand. Nur eine leere Tür. Halb geöffnet.
Vielleicht könnte ich gehen, denkt er, dem nach, was mich verlassen hat.

4
Die Bilder seiner Mutter verfolgen ihn. Ihre Hände aus gründlicher Traurigkeit. Es gibt nichts zu tun für eine Frau, die das mittlere Alter überschritten hat. Über die das Leben hinweg gegangen ist.

Donnerstag, 12. April 2012

12.04.2012

Der zerbrechliche, schmale Mann im blauen Seidenjackett, der von der Straßenbahn gejagt, die andere Straßenseite erreicht. Die Blicke, die zornig sein wollen (es immer waren) nur noch verletzt.

Samstag, 7. April 2012

Schneewehen

Der Regen, den sie seit Tagen in den Wetternachrichten prophezeien, hängt immer noch schwer in den Wolken. Von Sturm war nie die Rede, aber jetzt rüttelt der Wind am Haus, als würde er es zwischen seine riesigen Pranken nehmen, unschlüssig, ob er es liebevoll oder mit Ernst und Vehemenz schütteln soll, damit es endlich aufwacht, damit es endlich tut, was sich zu tun gehört.

Als wäre der Wind mein Großvater und das Haus der angekündigte Regen, obwohl doch Schnee fallen sollte, im Januar.

So wie damals, im letzten Winter meines Großvaters, als er mürrisch hinter seinem Schreibtisch saß, und ich es nicht länger in der Wohnung aushalten konnte, weil immer noch diese federleichten, weißen Flocken am Fenster vorbeischwebten. Ein weißer Teppich breitete sich über die Landschaft, über grauen Asphalt, rote Pflastersteine und grünen Rasen. Der Schnee deckte alles zu, der Schnee machte alles gleich.
„Großvater, sieh doch“, seufzte ich.
„Ich habe zu tun“, knurrte er zurück.
„Er ist so schön“, ich berührte Großvaters große fleckige Hand, „bestimmt ist noch nie so schöner Schnee gefallen.“
„Schnee ist nicht schön. Schnee ist gefrorener Staub“, behauptete er.
„Ich will eine Spur in den Schnee stapfen“, sagte ich, „und ich will einen Schneemann bauen. Den größten, den ich jemals gebaut habe.“ Großvater sah immer noch auf das weiße Papier auf seinem Schreibtisch.
„Die Nässe des Schnees kriecht durch die Ledersohlen.“ Großvater schien seine Worte zu spüren. Ich sah wie ihm die Kälte von den Sohlen die Beine hinauf kroch. Ich hatte dicke gefütterte Stiefel mit Gummisohlen. Er selbst hatte sie mir geschenkt.
Dann legte er seine Feder auf den Papierbogen, erst jetzt schien er mich wahrzunehmen. Den Schnee konnte er nicht sehen. Er saß mit dem Rücken zum Fenster, weil er bei seiner Arbeit nicht gestört werden wollte. Weder von Kindern noch von Naturphänomenen.
„Die Tiere verschlafen den Winter“, stellte er fest. Aber so wie er es sagte, wusste ich, dass er sich an die Winter seiner Kindheit erinnerte. An die hohen Schneedecken auf den Wiesen und an seine Kinderfüße, die im Schnee versanken. An Kinderhände in Wollfäustlingen, die riesige Kugeln über den Boden wälzten, bis endlich die Schneedecke abgetragen war und der schmutzig braungrüne Winterrasen sichtbar wurde.

Das Weiß macht blind.
Schneeblind.

„Lass uns einen Iglu bauen“, sagte ich und Großvater antwortete:
„In Märchen ist Schnee ein Symbol für das Böse. Denk nur an die Schneekönigin, die Kais Herz gefrieren ließ und ihn, durch die Eissplitter im Herzen, blind machte für alles Schöne.“
Ich bin allein gegangen. Großvater wollte partout keinen Fuß in den Schnee setzen, aber ich weiß, dass er mich vom Fenster aus beobachtet hat.

In Sibirien hängen die Frauen ihre Wäsche in den frostkalten Tag. Nur wenige Minuten vergehen, bis Hemd und Hosen steifgefroren sind. Aber dann, wenn die Wäsche endlich im ofenwarmen Inneren des Hauses getrocknet ist, hat sie einen unnachahmlichen, unvergesslichen Geruch.

Wie ein Leichentuch legt sich der Schnee über die Felder.

Donnerstag, 5. April 2012

Johanna

Es beginnt mit dem Ende. Von einer Idee zu ihrem Gegenteil ist es nur ein Gedankensprung. Und wir sind keine naiven Jungfrauen, die ihren Weg gehen.
Vielleicht hat es Johanna niemals gegeben. Und jetzt sitzt sie mir gegenüber. Und behauptet, dass es mit dem Ende beginnt. Ich aber beginne immer wieder von vorn. Nicht weil ich es für den klügeren Weg halte. Ich kann einfach nicht anders. Selbst wenn ich mich daran mache, etwas zu vergessen, fange ich immer wieder von vorn an. Ein Mann, eine Frau, auch die schönen Momente, aber die will ich ja gerade vergessen, das andere ist schnell in die Ecke geschleudert, trocken geschluckt, dient nur dazu, die schönen Momente voneinander zu trennen. Sind sie zu nah beisammen, löschen sie einander aus.
Und die Punkte dazwischen, der Rauch, wie Johanna nicht müde wird, zu betonen, daran geht ja niemand zugrunde, nicht sofort, nicht bevor die Teller auf den Tisch gestellt sind, die Tassen daneben, eine weniger als sonst.

Montag, 2. April 2012

Bis zur Hochzeit ist alles wieder gut

Sie nahm die Pfeife aus dem Mund. Das hat alles nichts zu sagen, dachte sie. Nichts hat etwas zu sagen, wenn ich es nicht will. Sie setzte sich auf das Bett, ließ Worte durch ihren Kopf ziehen, um keine Bilder zu sehen. Ich könnte einfach wieder gehen, dachte sie, meine Einsamkeit ein wenig durch die Straßen tragen, sie im Dunklen aussetzen auf einer Bank im Park, oder sie von der Brücke in den Fluss werfen. Ein Fisch wird sich an ihr verschlucken. Aber sie blieb liegen. Früher, wenn sie sich verletzt hatte, hatte ihre Mutter gesagt: Bis zur Hochzeit ist alles wieder gut. Jetzt war nach der Hochzeit. Was ist mit den Verletzungen nach der Hochzeit, Mama?
Wenn niemand antwortet, liegt es an den Fragen. Sie schaltete den Fernsehapparat ein, ohne Ton. Die Menschen wirken noch aufgeregter und viel lächerlicher, wenn kein Ton über ihre unentwegt zuckenden Lippen kommt. Sie taten ihr leid. Sie schaltete das Gerät aus. Autos fuhren am Fenster vorbei. Es klang als fuhren sie über Schnee. Sie dachte an den letzten Winter. Sie dachte an ihre unbeholfenen Versuche, Ski fahren zu lernen, aber in Wirklichkeit dachte sie nur an diesen Mann, sah sein Gesicht.
Und wer soll mich schon verstehen, murmelte sie, wenn ich mich selbst nicht verstehe.
Vielleicht muss ich nur alt werden, dachte sie. Richtig alt und dann kommt ein junger Mann und verehrt mich, pflegt mich, liebt mich bis zum Tod und wenn ich sterbe, flüstere ich ihm zu: bis du heiratest ist alles wieder gut.

Sonntag, 1. April 2012

Meine Mutter fürchtete die Schlangen

„Meine Mutter fürchtete die Schlangen“ (Wolfgang Koeppen)

Ich hielt diesen Satz für Poesie.
Eine andere bezeichnete es als Feigheit.
Eine weitere war der Meinung, es handele sich nicht so sehr um Furcht als vielmehr um Ekel. Ekel vor einem Wesen ohne Beine, ohne Flügel. Nur Zunge – verachtenswert.
Nur fähig, etwas zu verschlingen. Versprechen mit gespaltener Zunge zu verschlingen.

Evas Problem war nicht ihre Neugier. Wäre sie neugierig gewesen, sie hätte wie Lilith, Adam und den beschaulichen Garten längst verlassen. Sie hätte wenigstens Fragen an die Schlange gestellt. Warum diese Frucht? Bist du mit deinem Namen zufrieden? Was hälst du von Verboten?
Evas Problem war ihr Gehorsam. Was man ihr sagte, tat sie.
Ein Gebot löschte das vorhergehende aus.

Ein Mann

Es gibt einen Mann. Er hört mich.
Er hört mich auch wenn ich schweige.
Vom Schweigen zum Schwingen
ist es nur ein Buchstabensprung.
Für ihn.

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