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Lee

Dienstag, 21. Juni 2011

10


Wir begannen im Keller damit, alles auszusortieren, von dem wir uns trennen konnten. Was und wertlos erschien, warfen wir weg. Dinge, von denen wir annahmen, dass sie für andere Menschen einen gewissen Wert haben könnten, packten wir in als solche gekennzeichnete Verkaufskisten, die aus Bananenkartons bestanden, die ich zuvor in mühevoller Kleinarbeit aus den umliegenden Supermärkten herbeigeschafft hatte.
Ich begann wieder die Zeitung zu lesen. Ich ging zur Bank, um Lees Konto aufzulösen. Ich studierte die Kleinanzeigen und überlegte sogar, einen Job anzunehmen, falls das zusammengekratzte Geld nicht ausreichen sollte.
Was mir fehlte, war die Gewissheit, dass alles gut werden würde, dass mein Plan funktionieren würde. Aber an die Stelle der Gewissheit, trat das Kind. Seit ich es, weil die Ferien begonnen hatten, nahezu den ganzen Tag um mich hatte, wurden die Zweifel unwichtiger. Ich konnte sie aushalten und mit echter Überzeugung sagen, dass sie nicht waren im Vergleich zu ihm, unserem Kind.

Das Kind saß im Schneidersitz mir gegenüber. Ich hatte ihm ein Kissen auf den kalten Kellerboden gelegt, damit es sich nicht erkältete. Jeden Gegenstand, den ich beurteilt hatte, reichte ich weiter an das Kind, um sein Urteil abzuwarten. Wir hatten Unmengen von alten, muffig riechenden Büchern, manche davon waren mit waren mit seltsamen unleserlichen Buchstaben gedruckt, die weder das Kind noch ich entziffern konnten. Weder er noch ich konnten uns einen Reim darauf machen, woher sie stammen mochten. Sie landeten auf dem Unentschieden Stapel.
Wir hatten vier Haufen. Verkaufen, Behalten, Müll und Unentschieden.
Das hässliche Geschirr von meiner Mutter, das Lee und ich von Wohnung zu Wohnung geschleppt hatten, ohne es jemals benutzt zu haben, landete endlich auf dem Müllhaufen, obwohl das Kind einwendete, dass es vielleicht noch jemand gebrauchen könnten und wir es doch verkaufen sollten.
„Nein“, sagte ich, „das geht nicht. Ich kann unmöglich fremde Leute von diesen Tellern essen, aus diesen Tassen trinken lassen.“
„Und unser Geschirr?“, fragte das Kind.
Darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht.
„Wir könnten es einlagern lassen, falls wir wieder zurückkommen, irgendwann,“ sagte ich, „oder wir machen ein riesiges Scherbenfest, bevor wir verschwinden.“
Das Kind strahlte. Es wurde warum im Keller und ich schämte mich nicht für die Tränen, die ganz leise und ruhig an meinen Wangen hinab rollten. Fast als wollten sie mich streicheln.
Die Baby- und Kleinkindkleidung hatten wir aufbewahrt, weil wir uns immer ein zweites Kind gewünscht hatten. Und es war ja noch nicht zu spät. Lee war noch jung. Jetzt würden wir sie verkaufen, an Frauen mit dicken Bäuchen, mit Kinderwagen und nörgelnden Kleinkindern an der Hand.
Es erschöpfte mich, mich von so vielen Erinnerungen und Hoffnungen zu trennen.
„Was glaubst du, wieviel Geld wir verdienen werden?“, fragte das Kind, als wir uns nur noch um den Unentschieden Stapel kümmern mussten.
„Wenn wir alles loswerden, bringt uns allein der Kellerkram 100 € ein.“
„Wow, das ist viel.“
„Aber es ist viel mehr wert,“ sagte ich, „sogar die Sachen, die wir wegwerfen.“
„Du meinst mehr als Geld.“, sagte das Kind und ich war stolz und dankbar, dass Lee mir so ein prächtiges Kind hinterlassen hatte.

Ich fürchtete dem Kind kein guter Vater zu sein. Diese Sorge hatte ich von Anfang an, aber seit Lee tot war, war es anders. Schlimmer. Ich wollte ein Held sein, ein Vorbild, einer, der alles weiß, damit das Kind sich auf mich verlassen konnte, nicht damit es zu mir aufsah.
Seit Lee tot war, dachte ich wieder häufiger an die Briefe, die mein Vater mir geschrieben hatte.
„Ich bin mir sicher, es würde dir gut tun, darüber zu reden“, hatte Lee gesagt. Damals brauchte ich noch Zeit. Zeit, dachte ich, ist etwas, das uns niemand nehmen kann. Lee würde immer für mich da sein und ich für sie. Wir konnten warten, auf den richtigen Moment, auf das zweite Kind...
„Mich hat es immer enttäuscht, dass meine Eltern kaum Freunde hatten“, hatte Lee mir einmal erzählt. Daran erinnerte ich mich jetzt. „Ich hätte es schön gefunden, wenn häufiger Besuch da gewesen wäre, Erwachsene, denen ich zugehört hätte, ohne wirklich zu verstehen, was sie sagten.“
Das war etwas, dass ich für das Kind tun konnte. Ich kaufte Bier und Chips und rief Johannes an, meinen alten Freund Johannes.
„Brauchst du etwas?“, fragte er mich.
„Nur etwas Gesellschaft“, sagte ich.
Eine Viertelstunde später war er da. In der Hand hielt er einen durchsichtigen Plastikbehälter mit blauem Deckel.
„Birgits Gemüsegulasch“, sagte er während er mir den Behälter überreichte, „damit ihr mal wieder etwas ordentliches esst.“ Und im nächsten Moment:
„Ich hoffe, ich habe nichts Falsches gesagt.“ Ich schüttelte den Kopf.
„Lass nur.“
Da saßen wir nun auf meinem Balkon und sahen die Sonne untergehen, warteten darauf, dass uns trotz des Biers kalt werden würde, warteten wieder auf den richtigen Moment, etwas auszusprechen.
„Was hast du damals, als du noch klein warst, am meisten an deinem Vater bewundert?“, fragte ich.
„Du meinst, als ich so alt war, wie dein Sohn?“
Ich nickte.
„Na ja, ich erinnere mich daran, wie merkwürdig ich es fand, dass dein Spielzeug weggeworfen wurde, wenn etwas daran kaputt ging. Überhaupt, bei euch war immer etwas kaputt und deine Mutter jammerte darüber, dass sie kein Geld hätte schon wieder eine neue Waschmaschine zu kaufen, oder einen Herd oder Fernseher. Deine Mutter konnte ja nicht einmal die Sicherungen auswechseln, wenn sie rausgeflogen waren.“
„Und das hast du an deinem Vater bewundert?“
„Seine tiefschwarzen, ölverschmierten Hände, wenn er wieder einmal an unserem Auto herumgebastelt hatte, die haben mich schon beeindruckt.“
Wir schwiegen eine Weile, es ging ein leichter Wind, aber wirklich kühl wurde es nicht. Ich holte neues Bier und Chips.
„Wenn ich ihm helfen durfte war ich unwahrscheinlich stolz. Ich fühlte mich meiner Schwester überlegen, die nur meiner Mutter beim Kochen helfen durfte.“
„Und mir.“
„Ja, vielleicht. Aber du warst mein Freund. Und manchmal habe ich dich beneidet, weil du keinen Vater hattest, der dich anschreit, weil dein Zimmer nicht aufgeräumt ist, der dir Stubenarrest gibt, weil deine Noten nicht seinen Erwartungen entsprechen.“
„Meine Mutter hatte Angst, dass auch noch ich sie verlasse.“
„Und wie er Auto gefahren ist. Er hat alle überholt. Doch beim Autofahren war er mein Held.“
„Und jetzt?“
„Ist er ein alter Mann, der sich Enkel wünscht und an seiner Frau rumnörgelt.“
Ich erzählte Johannes nichts von den Briefen, die ich erst nach dem Tod meiner Mutter gefunden hatte, aber nach dem neunten oder zehnten Bier, tat ich etwas bedeutend Dümmeres. Ich erzählte ihm von dem Plan.
„Du bist verrückt“, sagte er, „das kannst du nicht machen. Du musst doch auch an das Kind denken.“
„Ich denke nur an das Kind. Das Kind ist doch der Grund, warum ich das tue.“
„Du läufst weg.“
„Ich will, dass er glücklich ist.“
„Indem du ihm die Zukunft verbaust.“
So ging es eine ganze Weile hin und her. Wenn mir nicht plötzlich speiübel geworden wäre, und Johannes den Zeitraum, den ich auf der Toilette verbracht hatte, nicht dazu genutzt hätte, zu verschwinden, hätten wir uns vermutlich geprügelt.
Dass ich sehr lange Zeit auf der Toilette verbracht hatte, weil ich dort wohl eingeschlafen war, erfuhr ich erst Tage später.
„Ich hätte es dir nicht erzählen dürfen.“
„Ich hätte dir erst einmal zuhören müssen.“

Samstag, 18. Juni 2011

9


Natürlich sagte sie: „Warten Sie“, und folgte mir, aber im Grunde war sie erleichtert, dass ich ging.
Meine Gedanken setzten wieder ein. Irgendwie war ich dieser Frau dankbar. Sie war dumm und lästig. Sie hatte nichts verstanden und die falschen Worte aneinander gereiht, aber offensichtlich war es genau das, was mir gefehlt hatte, um wieder klar denken zu können,, um den Gedanken zulassen zu können, dass unser Leben auch nach Lees Tod weitergehen musste. Dass es mehr sein musste, als übrig zu bleiben. Wenigstens für das Kind.

Als ich nach Hause kam, lag der Brief in unserem Postkasten. Der Brief, von dem das Kind ein paar Tage zuvor gesprochen hatte. Aber er war nicht von Lees Mutter, sondern von einem Rechtsanwalt.
Ich hätte gerne Lee gefragt, was ich tun sollte. Ihr Vater und die Schule. Wir waren in Bedrängnis, das Kind und ich.

„Was hältst du davon, wenn wir heute zu Lees Grab gehen?“, fragte ich das Kind, als wir gemeinsam nach Hause gingen.
„Wie war das Gespräch?“
„Welches Gespräch?“
„In der Schule, du weißt schon.“
„Schrecklich.“
„Dachte ich mir schon.
Ja, gehen wir zu Lees Grab. Obwohl ich glaube, dass es mich furchtbar deprimieren wird.“

Als wir an Lees Grab standen, wusste ich, was zu tun war. Es waren noch drei Tage bis zu den Ferien. Und es gab noch mindestens drei schwerwiegende Probleme zu lösen. Was sollte mit Lees Sachen geschehen? Woher konnten wir genügend Geld bekommen und wie würden wir an ein geeignetes Fahrzeug kommen?

In den Nächten, in denen ich immer noch so wenig schlief wie zuvor, saß ich am Küchentisch und entwarf Pläne und Listen. Ich stellte Berechnungen an, die jeden Mathematiker um den Verstand gebracht hätten. Trotzdem hatte ich das Gefühl, vorwärts zu kommen. Etwas bewegte sich. Ich war unterwegs. Ich hatte ein Ziel.

Das Kind ging tapfer Tag für Tag in die Schule. Wir sprachen nie von den Ereignissen dort. Ich hielt es für überflüssig und das Kind schien kein Bedürfnis zu haben, darüber zu reden.

Es war nicht so, dass meine Gefühle zurückgekehrt waren, ich fühlte mich immer noch leer, aber etwas hatte sich verändert. Ich spürte, wie die Kraft langsam zurückkehrte, die Kraft, es mit dem Leben aufzunehmen.
Am Vormittag sah ich immer noch gern aus dem Fenster. Aber ich ließ die Fenster geschlossen. So sah ich nur die Menschen, wie sie ihre Lippen bewegten und es lag in meiner Macht, ihnen Worte in den Mund zu legen.
Ich ließ Mütter verständnisvoll auf die eingebildeten Krankheiten ihrer Kinder eingehen, auch wenn die Lüge noch so unbedarft vorgebracht worden war. Ich ließ sich streitende Liebende, erste versöhnende Worte sprechen, oder einen ganz intimen Witz machen, woraufhin sie unwillkürlich in Lachen ausbrachen und einander nicht länger böse sein konnten.
Ich fühlte mich mächtig. Ich konnte sogar Tote wieder lebendig machen. Allen Frauen gab ich Lees Stimme. Bis ich mich erinnerte, dass ich gleich mit dem Kind in eine leere Wohnung zurückkehren würde und dass diese Wohnung leer bleiben würde, auch am Abend, auch in er Nacht würde niemand dort sein, außer uns beiden. Unseren Gedanken und Sorgen. Unseren Erinnerungen, unserem Atem und unserer Traurigkeit.

Freitag, 17. Juni 2011

8


Ich war erstaunt, wie freundlich der Raum wirkte. Es gab Grünpflanzen, Rattanmöbel, Bilder an den Wänden. Eine Frau saß in der Ecke. Sie schien mich nicht zu bemerken, weil sie so vertieft in die Papiere war, die sie sich auf den Schoß gelegt hatte.
Ich räusperte mich nicht. Ich machte nicht auf mich aufmerksam. Ich stand einfach da und wartete.
Ihre Schuhe fielen mir auf. Es waren hellbeige Cordschuhe, solche die ich in meiner Kindheit getragen hatte, und sie kamen mir ungeheuer groß vor.
„Es ist wichtig, gewissenhaft zu sein, finden Sie nicht?“, sage sie schließlich und ordnete die Papiere auf dem Tisch, bevor sie zu mir kam, mir die Hand entgegenstreckte und sagte: „Herr Kornicki, nehme ich an. Mein Name ist Voßwinkel. Ich bin die Klassenlehrerin Ihres Sohnes. Nehmen Sie doch Platz.“
Wir schüttelten einander die Hände und setzten uns.
„Mein Vater hat Briefe an mich geschrieben. Viele Briefe. Liebevolle Briefe. Ich erfuhr erst nach dem Tod meiner Mutter davon.“
Frau Voßwinkel sah mich irritiert an. „Das tut mir leid.“
„Schon gut,“ sagte ich, „Lee zu verlieren war schlimmer.“
Sie sagte nichts, blätterte in ihren Papieren und atmete laut und unruhig ein und aus. Vermutlich wusste sie nicht, was sie von mir halten sollte und ich wusste nicht, was ich von diesem Eindruck halten sollte, den ich bei ihr hinterließ.
„Leid“, sagte ich, „ist so ein großes Wort. So ähnlich wie eine Farbe. Jeder weiß, was gemeint ist, aber wenn man genau hinsieht, stellt sich jeder etwas anderes vor.
Im Stadtpark von Hiroshima fand zum Zeitpunkt des Abwurfs der Atombombe eine Schachpartie zwischen zwei Großmeistern statt, viele Zuschauer waren da und das Fernsehen, um das Ereignis zu filmen. Übrig blieben nur die weißen Schachfiguren auf den weißen Feldern. Das hat etwas mit Physik zu tun“, sagte ich, „ich verstehe nichts von Physik. Aber vielleicht hat es nicht nur mit Physik zu tun, oder die Physik hat etwas damit sagen wollen. Weiß ist schließlich die älteste Farbe der Trauer. Also sind nur die trauernden Figuren übrig geblieben.“
Ich hatte ein enormes Bedürfnis, über den Tod zu reden.
„Ich verstehe Ihre Situation.“
„Nein, das tun Sie nicht.“
„Aber wir müssen über Ihren Sohn reden.“
„Was ist mit ihm?“
„Er ist nicht ansprechbar. Er reagiert auf nichts. Wir glauben er braucht Hilfe.“
„Warum helfen Sie ihm dann nicht?“
„Ich meine weiterreichende Hilfe. Die Situation, wie sie sich derzeit darstellt, geht über unsere Möglichkeiten. Sehen Sie, wir alle halten es für das Beste, wenn Sie mit ihm einen Therapeuten...“
„Am besten für wen?“
„Ich will Ihnen doch nur helfen.“
„Ich denke dem Kind wollen Sie helfen. Deswegen bin ich doch hier.“
„Das schafft niemand allein. Sie brauchen auch Hilfe.“
„Wenn Sie hören könnten, was für einen Unsinn Sie reden. Die Einzige, die uns helfen könnte, ist Lee. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte.“

Donnerstag, 16. Juni 2011

7


Ich wartete lange. Das Warten hatte sich geändert, seit Lee nicht mehr da war. Es hatte nichts mehr mit Uhren und viel zu langsam vorrückenden Zeigern zu tun, nichts mit Ungeduld. Das Warten war jetzt mein Leben. Das Kind und das Warten. Etwas anderes gab es nicht.

„Sie hat noch nicht geschrieben, oder?“, fragte das Kind, als wir unsere Teller beiseite geschoben hatten.
„Wen meinst du?“, fragte ich.
Das Kind ließ sich Zeit mit seiner Antwort.
Ich fürchtete, es meinte Lee.
„Oma.“
„Warum sollte sie schreiben?“
„Sie hat mit mir gesprochen?“
„Und?“
„Du weißt doch, sie glaubt, Lee wäre tot.“
Ich nickte.
„Ich soll zu ihnen ziehen. Opa will es.“
Ich schwieg. Es war keine Überraschung, aber diese erneute Bestätigung machte mich unendlich müde und hilflos. Ich hätte weinen können, weil ich nicht einmal wütend wurde. Nicht einmal das machte mich wütend.
„Sie hat mich gefragt, ob ich es auch will.“
Ich sah das Kind an. Seine Augen hatten die Farbe von Lees Augen. Es war als sähe Lee mich an. Das Kind hatte ihre Züge. Seine Lippen zitterten.
„Und willst du?“, fragte ich.
Das Kind lachte.
„Du spinnst“, sagte es.
Es war das erste Mal seit Lees Tod, dass wir miteinander lachten.
„Was genau hast du ihr gesagt?“
„Sie war auf dem Schulhof. In der Pause stand sie am Rand des Pausenhofs und hat mich zu sich gewunken. Sie hatte ganz weiße Kleider an. So wie in deiner Geschichte von den Trauernden früher und anderswo. Ich glaube sie macht das, damit sie ihre Trauer für sich allein hat, um zu zeigen, dass es nicht dasselbe ist, wie bei Opa.“
So viel hatte das Kind selten gesprochen. Als hätte Lee sterben müssen, damit das Kind lebendig wurde. Ich schämte mich für meine Gedanken.
„Ich habe ihr gesagt, dass das natürlich nicht geht, aber dass sie uns immer besuchen kann. Schließlich ist sie Lees Mutter“, sagte das Kind, „das darfst du nicht vergessen.“
Von dem Brief sagte das Kind nichts.

Der Sommer blieb verregnet. Nur ab und zu gab es sonnige Tage.
Die Zeit wenn das Kind in der Schule war, verbrachte ich jetzt damit, Lees Schubladen und Schränke zu öffnen. Zu meiner Überraschung war sie vollkommen geheimnislos. Es gab keine versteckten Briefe, nichts, das ich nicht kannte.

Dann wurde ich zu einem Gespräch in die Schule eingeladen, weil das Kind sich auffällig benahm, über das Maß dessen hinaus, was man angesichts seiner bedauerlichen persönlichen Situation hinnehmen konnte. Also ging ich in das muffige, nach Schule riechende, Schulhaus und fragte mich zum Lehrerzimmer durch. Ich fragte nur Kinder.
„Was wollen Sie denn da?“, fragte ein ziemlich hässlicher übergewichtiger Junge.
„Ich weiß nicht“, sagte ich, „ vermutlich eine Strafarbeit abholen.“
Er grinste. Die Antwort schien ihn zu befriedigen. Jedenfalls führte er mich direkt vor die Tür des Lehrerzimmers.
Die Tür war dunkelgrün gestrichen und stand einen Spalt breit offen. Ich klopfte. Scheinbar hörte mich niemand. Also öffnete ich die Tür und trat ein.

Mittwoch, 15. Juni 2011

6


Die Post in unserem Briefkasten, öffnete ich nur noch selten. Die floskelhaften Beileidsbekundungen verursachten mir Übelkeit.

Das Kind ging jetzt wieder zur Schule und wenn ich nicht ganze Vormittage lang aus dem Fenster sah, ohne etwas wahrzunehmen, blätterte ich lustlos in den gelben Seiten auf der Suche nach einem Anwalt, der mir die Rechtslage erklären könnte. Ich hatte auch schon einige Male den Hörer in die Hand genommen. Soweit, dass ich eine Nummer gewählt hätte, brachte ich es nie.

Einmal träumte ich von Lee. Sei hatte einen Dreitagebart, ihre schönen Brüste waren verschwunden und mit einer ungewohnt tiefen Stimme sagte sie zu mir: „Wenn du mich wirklich liebst, willst du mich auch als Mann.“
Ich wollte ihr widersprechen, mit ihr darüber streiten, aber stattdessen sagte ich nur: „Ich habe es immer so geliebt, wie du deine Tasche vor den Körper gehalten hast, während wir auf die U-Bahn warteten.“

Die Tage waren wohltuend gleichmäßig. Nicht einmal das Wetter änderte sich. Der Himmel blieb grau. Morgens brachte ich das Kind zur Schule, dann ging ich nach Hause und suchte stundenlang in allen Zimmern nach einem klaren Gedanken, bis es Zeit wurde, das Kind abzuholen, ihm Essen zu kochen, zu fragen, wie es in der Schule war und tapfer zu lächeln.
Das Kind sang ein Lied, das ich nicht kannte. Ich wartete, bis es zu mir kommen würde, mich bitten würde, ihm eine Geschichte vorzulesen, mit ihm auf den Hof zu gehen.

Sonntag, 12. Juni 2011

5


Ich erinnere mich nicht, wie wir die Tage bis zur Beerdigung verbracht haben. Das Kind wollte schwarze Kleider für diesen Tag. Ich erzählte ihm, dass die Menschen früher weiße Trauerkleidung getragen haben und das es an einigen Orten der Welt noch heute so sei. Es sah mich verständnislos an.
Nachts fragte ich mich, wie wir ohne Lees Wut zurechtkommen sollten, ohne ihre Kraft.

Dann war es soweit. Das Kind hatte Sonnenblumen in der Hand und ich eine Rose. Was der Pfarrer erzählte, weiß ich nicht. Ich brauchte meine ganze Kraft, um sitzen zu bleiben, nicht nach vorne zum Sarg zu laufen, um ihn zu öffnen und Lee herauszuholen.
"Ein eitles Haschen nach Wind", diese Worte habe ich gehört und den Druck der Kinderhand gespürt. Die Rede war vorbei. Alle erhoben sich, marschierten mit gesenkten Köpfen den Sargträgern hinterher. Und ich war nicht der Prinz, der seinen Dienern befahl, den Sarg in sein Schloss zu bringen. Dabei war Lee doch Schneewittchen.
Mit Hilfe von Seilen, ließen sie Lees Sarg langsam und feierlich immer tiefer in die Erde. Das Kind warf seine Sonnenblume auf den Sarg, weinte und sagte: "Du bist gemein." Dann lief es weg. Ich sah Lee in ihrem Sarg lächeln, weil ich ihre Rose auf dem Weg das Kind einzufangen, verlor.
Wir setzten uns unter einen Baum, etwas abseits von Lees Grab und sahen zu, wie die Trauergesellschaft Lees Eltern kondolierte.
Lees Mutter sah lange zu uns herüber, dann ging sie mit den anderen.

"Sie hat Lee noch einmal gesehen", sagte ich zu dem Kind.
"Aber für uns lebt sie noch", sagte das Kind.
"Immer."

Diesen Monat würden wir die Miete noch ohne Probleme zahlen können. Die größten Sorgen bereitete mir das Kind. Lees Vater wollte, dass es zu ihnen käme. Ich hätte weder die geistige noch die moralische Reife ein Kind zu erziehen, behauptete er.
Und dann, wovon wollten wir leben. Bei ihnen hingegen, wäre das Kind versorgt.
Lee und ich hatten nie über das Sorgerecht für das Kind gesprochen. Für uns war es undenkbar, dass wir uns jemals um das Kind streiten würden. Für unsterblich hatten wir uns wohl auch gehalten.

Samstag, 11. Juni 2011

4


"Es ist schwer", hatte Lee gesagt, "sich dieser Gleichgültigkeit der Zeit zu unterwerfen."
Das waren die letzten Worte, an die ich mich erinnerte. Lees letzte Worte für mich.

Wir sind nicht in den Zoo gegangen. Wir haben Fotos angesehen, Fotos von Lee. Wir haben ihre Briefe und Postkarten gelesen. Wir haben uns vorgestellt, wie das alles weitergehen soll, ohne sie. Wir haben geweint.
Abends rief Lees Vater an. Die Beerdigung ist in zwei Tagen.

Was Liebe ist, wollte das Kind wissen, nicht was sterben bedeutet und wo Lee jetzt ist.
"Wenn man ganz ruhig und friedlich wird, nur weil jemand da ist", habe ich gesagt.
"Und traurig, wenn er nicht wiederkommt?"
"Ja. Sehr traurig."
Das Kind ist auf meinen Schoß geklettert. "Aber du, du bleibst immer bei mir, ja?"
"Ich verspreche es."
Das Kind wollte nicht in sein Bett und mir war es unmöglich das Kind in unser Bett mitzunehmen, es in Lees Geruch zu legen.
Ich habe Luftmatratzen aufgepumpt und wir haben im Wohnzimmer geschlafen. Das Kind hat geschlafen und ich habe nachgedacht. Was ich dem Kind erzählen soll, wie ich das Kind behalten kann, wovon wir leben werden, wenn Lee jetzt kein Geld mehr verdient. Immer lief es darauf hinaus, dass ich mir ein ganz anderes Leben vorstellte. Wir lebten auf einer Insel , das Kind und ich. Unser Haus stand nah am Meer. Schließlich hörte ich die Geräusche, die das Meer machte, davon schlief ich ein.

Am nächsten Morgen rief ich in der Schule an, um Bescheid zu geben, dass das Kind eine Zeitlang nicht kommen werde, weil seine Mutter gestorben sei. Die Sekretärin, die meinen Anruf entgegennahm, war die Erste, die mir ihr Beileid aussprach.

Freitag, 10. Juni 2011

3


Ich wartete, aber weder Lees Mutter noch ihr Vater tauchten wieder auf. Schließlich sprach ich einen großen Mann mit weißem Kittel an.
"Es war ein furchtbarer Unfall. Ihre Mutter hat den Anblick nicht ertragen."
"Ich glaube nicht, dass sie tot ist, wenn ich sie nicht sehe. Ich spüre nicht, dass sie tot ist. Ich muss es sehen."
"Sie sind ihr Mann?"
"Ihr Witwer."
"Ja", sagte der Große, "kommen Sie."
Er führte mich in sein Büro. Wir schwiegen und tranken.
Als ich endlich ging, glaubte ich, dass Lee tot ist. Gesehen hatte ich sie nicht.

Das Kind war über seinem Spielzeug eingeschlafen. Sein Pullover war feucht. Vermutlich hatte es geweint. Ich legte es mit seinen Kleidern ins Bett und deckte es zu. Dann setzte ich mich neben sein Bett und beobachtete seinen Schlaf. Vor dem Schlafzimmer fürchtete ich mich. Und vor dem Kissen mit Lees Geruch. Jetzt, da ich glaubte, dass sie tot ist. Das Kind atmete ruhig und gleichmäßig. Ab und zu zuckten seine Lider und es stöhnte. Ich wurde wach, weil das Kind auf meinen Schoß kroch.
"Heute gehst du nicht zur Schule", sagte ich. Das Kind sah mich an und lächelte.

Ich hatte das Bedürfnis, selbst wieder ein Kind zu sein, jemandem in die Arme zu sinken, der mich auffängt, ohne zu fragen. Der einzige Mensch, der dafür in Frage gekommen wäre, war Lee.
Ich machte dem Kind ein ungesundes Frühstück in der Hoffnung, das werde ihm gefallen.
Während ich bei einer Tasse Kaffee beobachtete, wie es mit wenig Appetit aß, sagte ich: "Und gleich gehen wir in den Zoo." Das Kind trank einen Schluck Kakao und fragte "Warum?"
"Wir machen uns einen schönen Tag."
Das Kind schwieg. Es schien zu überlegen. "Und Lee?", fragte es schließlich.
Diesmal war ich derjenige, der schwieg.
Das Kind ging. Ich hörte, wie es im Badezimmer das Wasser laufen ließ. Vielleicht damit ich etwas anderes nicht hörte.

Donnerstag, 9. Juni 2011

2


Ich war nicht beunruhigt, nicht unglücklich. Es war nicht so, als hätte mir Lee nichts bedeutet. Trotzdem bedeutete dieser Tod nichts.
Im Telefonbuch schlug ich die Krankenhäuser nach. Das Kind spielte ruhig und selbstversunken in seinem Zimmer. Ich hörte, wie es mit sich selbst sprach.
Ich rief das erstbeste Krankenhaus an, um zu fragen, ob sie von Lee wussten. "Wir haben schon auf Ihren Anruf gewartet", sagte die Frau in der Zentrale. "Als mein Kollege Sie anrief, haben Sie aufgelegt, bevor er ihnen das Krankenhaus nennen konnte."
Nichts daran kam mir merkwürdig vor. Ich bedankte mich und legte auf. Ich entschloss mich, sofort zu fahren, mich nach Einzelheiten zu erkundigen, danach, was noch getan werden musste. Das Kind schloss ich in der Wohnung ein und versprach, ich sei bald wieder zurück.

Im Krankenhaus traf ich auf Lees Eltern. Ihre Mutter schrie wie ein Tier, der Vater versuchte sie zu beruhigen. Niemand nahm Notiz von mir. Ich setzte mich auf einen der in der Wand befestigten orangen Plastikstühle, und starrte vor mich hin.
Nach einiger Zeit führte man Lees Mutter ab. Vermutlich um ihr eine Spritze zu geben.
"Kann man zu ihr?", fragte ich Lees Vater.
"Es ist nicht ratsam, sagen die Ärzte."
"Und was denken Sie?"
"Ich denke, du hättest besser auf sie aufpassen sollen", sagte er und ließ mich stehen.
Ich erinnerte mich an das Kind. Ich würde ihm nicht von Lees Tod erzählen können, bevor ich sie gesehen hatte.

Mittwoch, 8. Juni 2011

1


Heute ist Lee gestorben. Man hat mich angerufen. Ich saß in der Küche am Fenster und trank Kaffee, als das Telefon läutete. Ich erinnere mich nicht an den Namen des Anrufers. Er hat nicht viel gesagt. Nur, dass sie tot ist. Ein Unfall. Man habe ihn gebeten, mich zu benachrichtigen. Ich nickte und legte auf. Setzte mich wieder an den Tisch, wunderte mich, dass meine Hände nicht zitterten, dass mein Körper so tat, als sei nichts geschehen. Ich wusste nicht einmal, wo sie war, ob ich sie noch einmal sehen konnte. Aber ich trank seelenruhig meinen Kaffee und sah aus dem Fenster.
Mittags holte ich das Kind von der Schule ab. Ich sagte ihm nichts und es bemerkte nichts. Wir redeten wenig. Das Kind war immer schon ein stilles Kind.
Es fragte nicht nach Lee.
Nach dem Essen legte ich mich in unser Bett. Das Kissen neben mir roch noch nach Lee.
Wir waren nicht verheiratet. Ich wusste nicht, welche Rechte ich hatte, was ich jetzt tun musste.
Das Telefon klingelte nicht mehr.

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