Erst muss man sterben. Dann kann man aufstehen.
Erst muss man sich die Nächte mit fremden Geschichten verderben, dann kann man Buch führen über die Tage.
Erst muss man stillhalten und dann kann man zum Leben sagen: Lauf!
Am Ende küsst die Nacht den Tag. Der hat nicht darum gebeten, aber geschehen lässt er es doch. Und ich öffne die Augen und denke: Das ist ja mein Leben, das sich da verlaufen hat, weil ich versäumt habe, es zu beschreiben.
Aber dann erfinde ich ein Buch für die Tage. Ich setze mich in die Mitte und das Leben darüber hinweg. Ich zerlege die Jahre in Tage und behaupte mein Leben in einem Buch.
In meinem Tagebuch habe ich Augen und Haare und Zähne, aber keinen Vater und kein Alter. Es gibt keinen Himmel, aber der ist immer blau. Und keine Gefühle, nur meine Heiterkeit mit der ich mich über die Dürre der mit dem Alltag Beladenen erhebe. Wenn sie mein Blick trifft, denken sie an Regen.
Dem Wetter können sie glauben, weil sie denken, dass es das gibt; Regen und Sonne und eine verhagelte Ernte. Schicksal, Bestimmung, die Halterungen mit denen sie ihr Leben begreifen. So laufen sie dem Leben hinterher.
Und das Leben schaut zu. Schaut zu mir auf. Mehr als mein Leben nieder zu schreiben, führe ich meine Tage auf.

Ein falsches Wort, das sich im richtigen spiegelt. Die Trostlosigkeit der langen Reihen.
Was ist ein Jahr und wie wirkt sich die Antwort auf Dein Leben aus?
Wann wird aus einer Herangehensweise eine Masche und wie verläuft sich eine Masche zurück ins Netz derer, die Recht haben?
Jemandem das Ohr (sein Ohr. Warum nur eins?) leihen, während derjenige sich ins Verschwinden redet. Die Worte bleiben klar, deutlich, gleichbleibend gut artikuliert, während der Sprecher zunehmend an Substanz verliert, während seine Konturen sich auflösen und er durchsichtig wird, schließlich unsichtbar.
Nur die Worte bleiben noch eine Zeitlang bestehen. Bodenlos, körperlos.
Dann kehrt das Ohr zum Beobachter zurück und besänftigt die Augen.
Trau deinen Augen nicht, weil man nicht sehen darf, was sich nicht gehört.
So bleibt man unerhört?
Was ist das? Wie kann man sich weiterbewegen, einfach weitermachen, ohne den Raum? Ich spreche nicht von Platz. Ich spreche nicht davon jeden Morgen zusammengepfercht mit vielen anderen fremden Leibern in der Straßenbahn zu stehen und das Leben draußen zu lassen. Ich spreche nicht davon an der nächsten Haltestelle (wenn du Glück hast, ist es die richtige Haltestelle) mit einem großen Teil dieser Menschenmasse ausgespuckt zu werden.
Ich rede von den Gedankenräumen. Davon, wie es ist, wenn man sich nicht mehr vorstellen kann, wie alles auch ganz anders sein könnte als es ist.

Erst muss man den Lärm aushalten. Dann kann man schweigen. Die kleine Frau richtet sich im Schweigen ein. Es gibt unterschiedliche Räume des Schweigens. Höhen und Tiefen. Weiten und Engpässe. Wärme und grimmige Kälte. Aber immer ist das Schweigen tief und vielversprechend. Und von der kleinen Frau bewohnt.

Die kleine Frau stellt die Buchstaben um. Klingt ein Satz traurig, verändert sie solange die Kombination der Buchstaben, bis sie lacht, oder das Papier zerreißt. Du schreibst dir die Welt schön, sagt der kleine Mann. Er möchte, dass sein Satz hämisch klingt, aber sein Blick macht ihn traurig.
Nein, sagt die kleine Frau. Die Welt ist schön. Ich berichtige nur ,was ihr fälschlicherweise zugeschrieben wird.

Die kleine Frau ist unbeschreiblich.
Das macht sie unsterblich.
Sie aber würde lieber glücklich sein.
Die kleine Frau betrachtet die Welt, d.h. sich selbst in Beziehung zu einigen außerordentlichen Tierarten, die mittlerweile leider ausgestorben sind. Erst muss man den Zustand der Welt beklagen, dann kann man sich mit dem Status Quo anfreunden. Abfinden kann man sich nicht. Weil das wichtigste dabei verlorenginge. Das Wichtigste ist die Reihenfolge, die wiederum abhängt vom Ort.
Wenn die kleine Frau müde ist, zeichnet sie sich ein Bett, hat sie Hunger, fliegen ihr gebratene Tauben in den Mund. Nur gegen den Durst ist sie machtlos.
Erst muss man trinken, dann hat man keine Lust mehr nachzudenken, warum der Durst so groß war.
Bewegungen, die uns längst nicht mehr bewegen, diese staubigen, luftleeren Bewegungen, die nur die Erinnerungen durcheinanderbringen, jagen, auf die Bäume treiben, als wären sie dort in Sicherheit. Diese dummen, lächerlichen, angeberischen, bewegungslosen Bewegungen, die man nur sehen kann, wenn man jemanden wirklich hasst, aber wer macht sich schon die Mühe, jemanden wirklich zu hassen? Und dann auch noch hinzusehen? Und so veröden sie, sie vertrocknen und vergessen sich irgendwann selbst, diese bewegungslosen, traurigen, nichtsnutzigen Bewegungen, die die Welt zusammenhalten.
Das Klavier, die Mandoline, zerspringendes Glas. Ein Kind mit einem alten Fotoapparat in der Hand. Aufgeschürftes Knie, verrutschte Socken, Locken auf dem Kopf, Krähen am Himmel. Krähennester um die Augen der Lieblingstante. Sie ist uralt. Mindestens dreißig oder fünfzig. Sie hat mir ein Hündchen gestrickt, es kann sprechen. Aber ihr Bruder hat nur noch ein Bein, das andere aus Holz. Was für ein Lärm, wenn er nachts auf die Toilette muss, sagt die Großmutter. Drahtbrille und schwarzes Kleid mit weißen Punkten, der Kopf aus Zeitungspapier, der Körper eine leere Flasche, steht auf dem Fensterbrett, sieht wie der Verkehrsstrom wächst, die Bäume, die Gärten verschwinden, Asphalt, Bauwagen, Möbelhäuser und längst kein Klo mehr im Treppenhaus, Holzbeine auch nicht, dafür selber Krähennester im Spiegel (wer ist das? Warum starrt die mich so an?). Irgendwo zwischen dreißig und fünfzig, ohne Klavier spielen gelernt zu haben, das Fenster öffnen (wo ist die Großmutter mit der Drahtbrille geblieben? Das Haar aus weißer Wolle und ein freundlicher Blick, ganz ohne Krähennester). Draußen graue Reste von Schnee, zwei Männer mit Arbeitshandschuhen, Schweiß auf der Stirn trotz der Kälte. Im Baum knackt es, Schnee fällt vor ihre Füße, angespannte Adern am Hals. Sie tragen ein Klavier. Auf dem Seitenstreifen wartet der Möbelwagen. Ich habe mal einen geliebt, der war Möbelpacker, er hatte nur ein Bein und ein Glasauge. Die Großmutter flaschengrün unter dem getupften Kleid. Meine Mutter trug ein dunkelblaues Kleid mit weißen Tupfen (Tupfen sind etwas anderes als Punkte, merk dir das Kind), als ich mit dem Möbelpacker durchbrannte (sein Auto steht vor der Tür, du kannst uns winken!).
Da ist der Vater.
Dort ist der Sohn.
Sie sind miteinander verwandt.
Sonst haben sie nichts miteinander zu tun.
Die Schwester sagt
Er ist auch mein Vater.
Ja, sagt der Sohn, aber das ist etwas anderes.
Der Sohn schreibt einen Brief.
Der Sohn schreibt einen Brief an den Vater.
Der Brief wird gedruckt.
Alle Welt liest den Brief.
Alle Welt sagt
Was für ein verlorener Sohn.
Was für ein trauriger Brief.
Der Vater hält seinen Sohn für einen Käfer.
Er ist auch dein Kind sagt die Schwester.
Ja, sagt der Vater, aber das ist etwas anderes.