Zieh dir ein Hemd aus Erwartungen an, glaube nicht, dass es wärmt und geh los. Es ist beinah egal, wohin du gehst, mit der Zeit werden dir einige Erwartungen in die Haut wachsen, andere werden vergehen und unbemerkt irgendwo auf dem Weg liegen bleiben.
Mach dir keine Gedanken darüber, geh weiter, andere werden kommen. Solche, die dir genauso wenig passen und manchmal vielleicht auch eine, die sich anfühlt, als würde sie zu dir gehören, als wäre sie nur für dich gemacht. Und du wirst versuchen, sie aus deinem Hemd zu lösen, denn wie sollst du ihr nachlaufen, wenn sie dir am Leib klebt? Und das möchtest du doch so gerne. Lieber als alles andere, einer Erwartung nachlaufen, die mächtiger ist als du, weil du dir einbildest, du könntest daran wachsen, aber in Wirklichkeit reißt du dir nur ein Loch in dein Hemd. Das sieht erbärmlich aus, glaub mir, aber flicken kann man es nicht.
Wir vertauschen die Farben mit den Anforderungen, das Verstehen mit dem Gelesen werden. Wir schreiben wir, weil uns vor uns selbst graut.
Indem wir die Buchstaben vertauschen, glauben wir dem Sinn zu entkommen.

Ich verlange zu viel. Das ist mein gutes Recht. Ich will die Lösungen, bevor die Probleme auftauchen. Bei mir tauchen keine Probleme auf, bei mir ergeben sie sich. Hissen die weiße Fahne, sobald sie mich sehen. Ich möchte nichts wissen, weil ich ohnehin alles besser weiß. Ich bin die Verbesserung der Welt, ihre Heilung. Meine Schönheit sieht man mir nicht an, weil sie jeden blenden würde. Und ich bin weitaus mehr als Blendwerk. Als Blendwerk eigne ich mich nicht. Ich füge die losen Fäden zusammen und spinne ein Netz, in dem die Suchenden sich verfangen. Sie sind leichte Beute und eine leichte Beute schätze ich nicht. Ich suche die Herausforderung und begegne mir selbst. Tag für Tag.
Nur Nachts lasse ich los, lasse die festgezurrten Fäden durch die Träume flattern, schwebe über den Verknüpfungen, die ich zu meiner eigenen Sicherheit aufgespannt habe und erwache schreiend, wenn ich mich in den eigenen Netzen verfange.
Wir vermeiden die Zeit, versorgen die Vergangenheit. Pflegen die Wunden der Zukunft.
Von der Wunde zum Wunder ist es ja nur ein Buchstabensprung.
Wir bezeichnen die Welt, sagt der kleine Mann, wir umgeben uns mit Bildern, die an uns vorüberziehen, während wir stehen, einen Standpunkt einnehmen und ihn verteidigen.
Wenn ich zu wach bin, kann ich nicht schreiben, sagt die kleine Frau und schreibt sich fort.
Fort ist ein Ort hinter den sieben Bergen, nach allen Märchen. Im verlassenen Haus der sieben Zwerge, wo keiner mehr gefallen will und jeder sagt, was er denkt. Nämlich nichts. Gedanken sind nichts als bunte Seifenblasen, sagt die kleine Frau.
Erst muss man sie zerstören, dann kann man erkennen, wie schön sie gewesen sind.

Es wäre notwendig, überall zu suchen. Genau nachzudenken. Den Ursprung ausfindig zu machen. Bis auf den Grund zu sehen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.
Es ist mir nicht länger möglich, mir mein eigenes Verschwinden vorzustellen. Nicht einmal ansatzweise. Stattdessen muss ich mich mit der Vorstellung begnügen, wie alles um mich herum verschwindet und übrig bleibe nur ich.
Allerorten werden jetzt Rückblicke geschrieben. Ich wundere mich, wie kompakt und auf das Wesentliche konzentriert manche Menschen auf ihr Jahr zurückschauen können.
Mir scheinen der Sommer, die Kindergeburtstage zu Anfang und in der Mitte des Jahres, schon so weit entfernt, als gehörten sie zu einem anderen Leben.
Im ersten Drittel des Jahres habe ich mich ein wenig besser kennengelernt (und den Rest des Jahres darauf verwand, mich wieder zu vergessen). Eine Frau, deren Name mir leider nicht mehr einfallen will, hat mir einen wunderschönen Stein geschenkt, als wüsste sie, wie sehr ich es liebe, etwas in der Hand zu halten. Den Stein habe ich mitgenommen, als ich kürzlich operiert wurde. Er hat mich beruhigt.
Dieses, wie jedes Jahr, habe ich versucht, mich zu ändern. Geduldiger zu werden. Strukturierter zu arbeiten. Wie jedes Jahr, musste ich mich damit abfinden, dass ich mich nicht ändern lasse.
Wie jedes Jahr bin ich ein wenig wehmütig, dass wieder ein Jahr zu Ende geht und freue mich auf das Neue.

Die durch den Körper wandernden Schmerzen – und das bin dann ich.
Alles geht weiter. Ist nicht zweifellos wiedererkennbar, ohne sich grundlegend zu ändern. Die Distanz geht verloren, bis nichts mehr erkennbar ist.
Ich träume immer noch vom Verschwinden. Von dieser Unmöglichkeit nicht mehr da zu sein und so endlich allem sehr nah zu sein.
Es ist kalt. Es ist eigentlich immer kalt, wenn ich das Haus verlasse. Ich setze meine Schritte so, als wäre es diesmal endgültig, dass ich nicht zurückkehre und als wäre das ein Beweis, das mein Verschwinden Formen annimmt. Bei dem Gedanken überkommt mich eine Art Heiterkeit und die Schritte verlieren an Schlagkraft, an Eindeutigkeit. Als könnte jeder Schritt wieder rückgängig gemacht werden.
Über die eigentliche Absicht von Personen, die am Abend in einer Kleinstadt rasch gehen, ist man ganz im Unklaren." (Franz Kafka)
Dass wir keine Zeit zum Verweilen haben, werden Sie doch verstehen!
Die wohlgesetzten Schritte, langsam, behutsam, mit Vorsicht aufgetreten, haben Sie eine Ahnung, wohin die führen?
Was halten Sie von Absichten und auf welche Weise unterscheiden Sie die Absichten von der Absichtslosigkeit?
Wie oft haben mich meine losen, schnell und unbedacht gesetzten Schritte, mitten ins Glück gestürzt!
Aber Sie schauen nur bestürzt. Nicht einmal verwundert. Fremdes Glück bestürzt Sie, weil Sie das eigene nicht zulassen.
Wollen Sie wirklich wissen, wohin das führt, wenn einer Fragen stellt, auf die er selbst sämtliche Antworten zu kennen meint?
Wenn Sie einmal ablassen könnten von Ihren Urteilen, die sich als Zweifel tarnen, um sich ganz unseren schnellen Schritten über den kleinen Platz hinzugeben, - womöglich gewännen Sie eine Einsicht, die sich nicht niederschreiben, aber erleben ließe.