Wir verließen die Stadt im Morgengrauen. Beinahe war uns egal, dass es keine Stadt mehr gab. Als wenn es zu verstehen gelte, den leichten Schwindel. Die hofärtige Art, die Weise, wie sich alles nur um sich selbst dreht, mag sie von Politik schreiben, von Pflanzen, von Katastrophen aller Art.
Ich sollte schweigen, dem Dunkel vor dem Fenster folgen. Fuchsaugen suchen, mich verlieren, um eure Wahrheit zu finden und endlich dazuzugehören, nur um zu merken, ein Ort ist so verloren, wie der andere.
Ein Hotelzimmer. Die Beleuchtung ist defekt. Vor dem Fenster Leuchtreklame, das Zimmer wird rot, gelb, blau. Auf dem Bett liegt eine Frau, bewegt stumm ihre Lippen, lächelt. Wartet.
Man sieht ihr das Warten an und fragt sich woran man festmacht, dass sie wartet. Was einen zu dieser festen Ansicht veranlasst, woher man diese Sicherheit nimmt.
Warum man sie überhaupt sieht, die sehr helle, sehr zarte Haut, die immer wieder in die Farben der Leuchtschrift getaucht wird. Man hat das Gefühl, sie beschützen zu müssen.
Gleichzeitig ist man sicher, dass man sich nicht zeigen darf. Das würde mehr als das Bild zerstören.
Das Bild des Wartens.
Mein Haus steht am Rand einer Klippe. Das Meer liegt unter mir. Es ist ein wenig, als lebte ich in einem Leuchtturm. Draußen die Schiffe, die Matrosen, die Musik und innen mein frommer Wunsch, dass meine Gedanken an- und abschwellen wie Ebbe und Flut.
Ich beherberge niemanden in meinem Haus. Ich erlaube niemandem in meinen Zügen zu lesen. Meine Einsamkeit gehört mir allein. Dort blüht sie auf.
Auf der anderen Seite der Klippe, weiter im Landesinneren, sagt man, habe sich einer ein Haus gebaut. Er habe es blau angestrichen. Kobaltblau. So nennt er sich auch.
Herr Kobalt.
Ich gebe nicht viel auf das Gerede der Leute. Aber morgen werde ich vielleicht einmal zu dieser Stelle gehen. Ein kobaltblaues Haus. Das stelle ich mir hübsch vor.
Es war kalt als mein Vater im Sterben lag. Die Seen waren zugefroren. Seine Hände waren kalt und kraftlos. Mein Traum ist beendet, sagte mein Vater. Ich muss nun gehen.
Ich habe getrunken und meine Brüder geschlagen. Ich habe Ränke geschmiedet und meine Zeit vertan.
Mein Leben war ein Kreis, in dem ich vergebens die Unterbrechung gesucht habe, um zu entkommen. Nun ist sie da.
Lebt wohl.
Es gibt keine Erklärungen. Keine Aussichten. Auch keine Erlösung. Der Schmerz ist da, um ausgehalten zu werden. Nichts weiter.
So wie die Liebe so lange dauert, bis sie vergeht. (Diese Art Liebe über eine Möglichkeit hinaus.)
Unantastbar.
Ein Hauch.
Einen Menschen zerstören.
Sehr langsam und gründlich, indem man ihm seine Hoffnungen nimmt.
Und dann zusieht, wie der Atem immer kürzer wird.
Wie ein Bussard über dieser Lebensgeschichte kreisen.
Scheinbar immer bereit, zuzustossen.
Das genügt.
Ihr Gesicht, das nicht verstand zu lügen. Ihre Augen, die alles verrieten, die sie verrieten. Ihre Liebe, ihre Enthaltsamkeit, die Einsamkeit, die sie nicht als ihre Einsamkeit anerkennen konnte. Die Erinnerungen, die sie überfielen und bloßstellten.
Sie nannte ihren Namen nicht, gab ihr Alter nicht an, wechselte die Stellung so oft es ging. Verdiente nie mehr, als sie unbedingt zum Leben benötigte und verschenkte, was ihr überzählig erschien. Sie gab es denen, die es vertranken, oder jenen, die genug davon hatten, mehr als sie selbst. Das war ihr die liebste Art, ihr Geld zu verschwenden.
Sie versuchte sparsam zu sein mit ihren Tränen und ihrer Verzweiflung.
Mehrmals schon hatte sie eines Morgens die wenigen Habseligkeiten, die sie besaß, zusammengepackt, war zum Bahnhof gegangen und hatte sich in den nächstbesten Zug gesetzt. Hatte in einer neuen Stadt, nicht neu angefangen, aber wenigstens einem langsamen allzu Bekanntwerdenden den Rücken gekehrt.
Sie: ein verwüstetes Gesicht, eine gebrochene Stimme.
Das Leben, sagt sie, es ist so: man kann nichts tun. Man muss es einfach nur leben.
Ich ziehe die Menschen an.
Sie sehen etwas in mir, von dem ich nichts weiß.
Sie erinnern sich.
Vielleicht sehen sie sich selbst.
Das ist alles.
Seltsam, bislang habe ich den Weltfrauentag nie besonders ernst genommen. Es war (und ist!) der Geburtstag einer Freundin und leicht zu merken, weil er mit eben diesem Tag zusammenfiel.
Eigentlich heute zum ersten Mal lese ich sehr
berührende und
kluge Artikel über diesen Tag, oder besser: nehme sie wahr.
Durch
Mary-am-Meer bin ich gestern auf die Aktion und das Video der Invisible Children aufmerksam gemacht worden, was sich mittlerweile auch im Kommentarstrang widerspiegelt. Ich freue mich, dass diese Aktion es geschafft hat, das Interesse der
Medien auf ein sehr wichtiges Thema zu lenken, das viel zu lange verschwiegen wurde, aber ich schäme mich für eine Welt, die derartige Taten jahrezehntelang duldet, weil Uganda offensichtlich weder über Erdöl noch über wichtige Bodenschätze verfügt.