3
Ich stelle mir vor, wie sie ihn nach dem Kindergarten warten lässt. Wie sie ihm mit einem fahrigen Blick versprochen hat, ihn zu einer bestimmten Uhrzeit, sagen wir um zwölf Uhr, abzuholen, und er läuft den ganzen Tag den Erzieherinnen hinterher, um zu fragen, wie spät es ist und wie weit, die ihm genannte Uhrzeit noch von dieser magischen Zwölf entfernt ist.
„Bist du denn nicht gerne hier bei uns im Kindergarten?“, fragen sie ihn, „gefällt es dir nicht bei uns?“
„Doch“, sagt der Junge, „ich bin gerne hier. Ich möchte nur nicht, dass meine Mutter warten muss, dass sie sich Sorgen macht.“
Und dann, fünf Minuten vor zwölf, erlauben sie ihm, seine Schuhe anzuziehen, seine Jacke, den Rucksack auf den Rücken zu schnallen, damit er pünktlich am Tor stehen kann.
Aber sie kommt nicht.
2
Ich stelle mir vor, dass sie nur deshalb auf ihn wartet, mit ihm redet, dass sie sich überhaupt nur deshalb an ihn erinnert, weil ich sie beobachte. Ich habe die Macht, den Jungen zu beschützen, dafür zu sorgen, dass er einen kurzen Moment lang glücklich ist. Sobald sie für mich nicht mehr sichtbar sind, verliere ich meine Macht. Die Frau wird wieder abwesend, und wenn der Junge, berauscht von seinem unverhofften Glück, leichtsinnig wird, möglicherweise sogar grausam.
1
Der Himmel graublau. Fast die Farbe der Berge.
Sie hat diesen kleinen Jungen an der Hand. Ich warte auf sie. Morgens, wenn sie ihn in den Kindergarten bringt. Sie ist abwesend. Ganz woanders mit ihren Gedanken. Und er, traurig und müde und blass. Kein Lachen. Nach einigen Schritten lässt sie seine Hand los. Geht voran. Fast scheint es, als habe sie ihn vergessen. Aber dann hält sie an, dreht sich um, geht auf ihn zu und redet auf ihn ein und sein Gesicht hellt sich auf, ganz kurz, bevor sie endgültig aus meinem Blickfeld verschwinden.
Die Frage lautet warum hörst du auf
auf dich zu hören?
Aufzuwachen und wach zu bleiben
dir Fragen zu stellen?
[wach sein ist Leben]
Warum gibst du dich mit fremden
warum gibst du dich überhaupt mit Antworten zufrieden
hat es mit dem Frieden zu tun
den du zunehmend suchst
den du immer dringlicher vermisst
und wenn er schon außerhalb nicht zu erreichen ist
wenn er schon nicht in Wirklichkeit zu erreichen ist
dann soll es sich wenigstens für dich so anfühlen
und welche Möglichkeit hast du dann außer der
aufzuhören zu fragen und hin zu hören und stattdessen
einfach weiterzumachen und möglichst viel selbstverständlich zu finden
dafür die anderen Dinge die eigentlich selbstverständlich sind [aber nicht vernünftig]
in Frage zu stellen [die Vernunft in ihnen zu vermissen]
also zu fragen warum jemand schreibt und nicht
warum du plötzlich solche Angst vor dem Aufwachen hast.
Was sind uns Texte wert, fragt Kathrin Passig und Malte Welding verlangt, dass wir
über Geld reden müssen.
Paul Nizon behauptet, seine pädagogische Leistung habe darin bestanden, seinen Kindern ein Leben lang vorzuleben, wie es ist, kein Geld zu haben.
1
Immer wieder besteigt er diesen Zug. Immer wieder reist er in die Vergangenheit. Es ist jedes Mal eine andere Vergangenheit [die Vergangenheit ändert sich im Gegensatz zu ihm]. Eine andere Vergangenheit, die an der Zukunft zerbricht. Die Reise auf diesen Abbruch zu.
2
Man kann nichts zurücklassen, außer ein wenig Nachdenklichkeit.
3
Kalt ist es. In den Körpern stirbt Zeit. Manifestiert sich als Vergänglichkeit. Er dreht sich um. Aber da ist niemand. Nur eine leere Tür. Halb geöffnet.
Vielleicht könnte ich gehen, denkt er, dem nach, was mich verlassen hat.
4
Die Bilder seiner Mutter verfolgen ihn. Ihre Hände aus gründlicher Traurigkeit. Es gibt nichts zu tun für eine Frau, die das mittlere Alter überschritten hat. Über die das Leben hinweg gegangen ist.
Der zerbrechliche, schmale Mann im blauen Seidenjackett, der von der Straßenbahn gejagt, die andere Straßenseite erreicht. Die Blicke, die zornig sein wollen (es immer waren) nur noch verletzt.
Der Regen, den sie seit Tagen in den Wetternachrichten prophezeien, hängt immer noch schwer in den Wolken. Von Sturm war nie die Rede, aber jetzt rüttelt der Wind am Haus, als würde er es zwischen seine riesigen Pranken nehmen, unschlüssig, ob er es liebevoll oder mit Ernst und Vehemenz schütteln soll, damit es endlich aufwacht, damit es endlich tut, was sich zu tun gehört.
Als wäre der Wind mein Großvater und das Haus der angekündigte Regen, obwohl doch Schnee fallen sollte, im Januar.
So wie damals, im letzten Winter meines Großvaters, als er mürrisch hinter seinem Schreibtisch saß, und ich es nicht länger in der Wohnung aushalten konnte, weil immer noch diese federleichten, weißen Flocken am Fenster vorbeischwebten. Ein weißer Teppich breitete sich über die Landschaft, über grauen Asphalt, rote Pflastersteine und grünen Rasen. Der Schnee deckte alles zu, der Schnee machte alles gleich.
„Großvater, sieh doch“, seufzte ich.
„Ich habe zu tun“, knurrte er zurück.
„Er ist so schön“, ich berührte Großvaters große fleckige Hand, „bestimmt ist noch nie so schöner Schnee gefallen.“
„Schnee ist nicht schön. Schnee ist gefrorener Staub“, behauptete er.
„Ich will eine Spur in den Schnee stapfen“, sagte ich, „und ich will einen Schneemann bauen. Den größten, den ich jemals gebaut habe.“ Großvater sah immer noch auf das weiße Papier auf seinem Schreibtisch.
„Die Nässe des Schnees kriecht durch die Ledersohlen.“ Großvater schien seine Worte zu spüren. Ich sah wie ihm die Kälte von den Sohlen die Beine hinauf kroch. Ich hatte dicke gefütterte Stiefel mit Gummisohlen. Er selbst hatte sie mir geschenkt.
Dann legte er seine Feder auf den Papierbogen, erst jetzt schien er mich wahrzunehmen. Den Schnee konnte er nicht sehen. Er saß mit dem Rücken zum Fenster, weil er bei seiner Arbeit nicht gestört werden wollte. Weder von Kindern noch von Naturphänomenen.
„Die Tiere verschlafen den Winter“, stellte er fest. Aber so wie er es sagte, wusste ich, dass er sich an die Winter seiner Kindheit erinnerte. An die hohen Schneedecken auf den Wiesen und an seine Kinderfüße, die im Schnee versanken. An Kinderhände in Wollfäustlingen, die riesige Kugeln über den Boden wälzten, bis endlich die Schneedecke abgetragen war und der schmutzig braungrüne Winterrasen sichtbar wurde.
Das Weiß macht blind.
Schneeblind.
„Lass uns einen Iglu bauen“, sagte ich und Großvater antwortete:
„In Märchen ist Schnee ein Symbol für das Böse. Denk nur an die Schneekönigin, die Kais Herz gefrieren ließ und ihn, durch die Eissplitter im Herzen, blind machte für alles Schöne.“
Ich bin allein gegangen. Großvater wollte partout keinen Fuß in den Schnee setzen, aber ich weiß, dass er mich vom Fenster aus beobachtet hat.
In Sibirien hängen die Frauen ihre Wäsche in den frostkalten Tag. Nur wenige Minuten vergehen, bis Hemd und Hosen steifgefroren sind. Aber dann, wenn die Wäsche endlich im ofenwarmen Inneren des Hauses getrocknet ist, hat sie einen unnachahmlichen, unvergesslichen Geruch.
Wie ein Leichentuch legt sich der Schnee über die Felder.