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Samstag, 7. Januar 2012

Orpheus verreist


Dann aber, und das hatte nichts mit der Musik zu tun, bestieg ich den Zug. Ich hatte keine Fahrkarte, fand aber sofort einen Fensterplatz. Dass mich der Schaffner nicht kontrollierte, hatte auch nichts mit Musik zu tun, außer man glaubt daran, dass man ein Spiegelbild hören kann.
Meine traurigen Züge gespiegelt von der vorbeiziehenden Nacht, das wäre eine hübsche Melodie gewesen. So reiste ich am liebsten, ziellos und ein wenig bedrückt, eine Ahnung im Rücken, aber vor mir, viel größer, das Glück.
Natürlich hat es mit Musik zu tun. (tut es weh, fragt die Mutter das Kind und lacht. Tut es weh, wenn du dich umsiehst?)

Ich mag die Wartesäle und Bahnsteige, die wartenden Menschen und die Umsicht der Bahnhöfe. Ich suche den Fluss, dort steige ich aus. Die Klarheit meines Vorhabens leuchtet mir den Weg, auch wenn ich schon fast alles vergessen habe. Das Vergessen mag ich auch, aber das hat ebenfalls nichts mit Musik zu tun.
Ich folge dem Fluss, der die Gedanken mit sich reißt und wenn sie untergehen, tut es mir nicht um sie leid.
Viel später erst, werde ich im Trüben fischen, nach all dem was verloren gegangen ist. Wenn ich mich jetzt umdrehe, halte ich damit etwas fest, das nicht für einen Halt gemacht ist.
Sich auf diese Art umzudrehen, hat nichts mit Liebe zu tun.

Freitag, 6. Januar 2012

06. Januar 2012

Früher als ich noch auf Es war einmal bloggte, also bevor ich dachte, ich brauche ein neues Kleid für mich und meine Gedanken und für die kleinen Geschichten erst Recht, habe ich schon einmal von diesem sehr seltsamen und noch viel langwierigeren Projekt erzählt, das mich weder ganz loslässt, noch sich zu einem Ende bringen lässt.
Immer noch bin ich mir nicht sicher, ob man ein Ding, das sich dermaßen sträubt, nicht besser in Ruhe lassen und zur Seite legen sollte, andererseits sind die drei Frauen, um die es mir und dem Projekt geht, mir so ins Leben gewachsen, dass ich sie nicht einfach - nicht ohne noch einmal zu versuchen alles zu geben - ihrem Schicksal überlassen kann. Und darum versuche ich dieses Jahr lang mein Möglichstes, was dazu führen kann und wird, dass es hier stiller wird, oder einfach anders.
Sie dürfen gespannt sein, oder sich einfach gelangweilt abwenden. Die Zeiten ändern sich, manche Fäden lassen sich nicht mehr aufnehmen, andere wird man nicht los.
Diese Sache mit den Fäden fasziniert mich ohnehin. Penelope, die immer wieder das Totenhemd des Laertes auftrennt, dass jeder Text wie jeder Stoff ein Gewebe hat, diese Dinge. Vielleicht werden sich die Einträge also gar nicht so sehr unterscheiden. Es bleibt ein Netz, abhängig von der Zeit, bestehend aus Fäden, die schön sind und glitzern und anderen, die bei näherem Hinsehen schnell brüchig werden und reißen.
Jetzt erweitere ich diesen Eintrag zum letzten Mal, wollte nur noch anmerken, dass ich unter der neuen Rubrik "Jede Beschreibung ist falsch", Textfragmente einstellen werde, die ich nach der Überarbeitung nicht mehr verwenden kann.
So und nun Gute Nacht und Danke für Interesse und Anteilnahme.

Donnerstag, 5. Januar 2012

Fäden


Früher habe ich kleine Geschichten erzählt, von Menschen, die den Faden verloren hatten, an dem die Tage ihres Lebens aufgereiht waren, von denen, die versuchten ihn wiederzufinden und davon, wie andere ohne diesen Faden auskamen.
Heute fürchte ich, dass es nicht genug Anfänge gibt, um jemals zu einem Ende zu kommen.

Wellen


Das Kind taucht auf den Meeresgrund. Das Wasser ist nicht tief. Sie sind nicht weit vom Ufer entfernt. Es taucht wieder auf, verkündet, es habe Fußspuren gesehen am Meeresgrund. Das Kind ist stolz. Sie lächelt. Aber es ist ein trauriges Lächeln. Ein Lächeln, das alles vergessen hat, das sich nur noch auf das Überleben konzentriert. Sie wartet auf die Wellen. Das Kind wartet auch. Das Kind taucht ein in die Wellen, lässt sich von den Wellen davon treiben.

Mittwoch, 4. Januar 2012

Schneewittchens Tagebuch

Draußen regnete es. Die Zwerge freuten sich auf ihren freien Tag.
Ich dachte an Schneewittchen. Wie schwer es ihr fallen würde, alt zu werden. Damit hatte niemand gerechnet. Dabei war das Alter längst nicht so unberechenbar, wie wir immer angaben. Wir tun bloß so, alles nichts als ein Spiel.
Schneewittchen schrieb Tagebuch. Sie tat es sehr rücksichtsvoll. Sie wollte die weißen Seiten nicht verletzen und so schrieb sie nichts von Belang.
Heute nacht habe ich von meiner Stiefmutter geträumt, schrieb sie, sie stand nackt vor einem Spiegel und flüsterte meinen Namen. Dann brach sie in ein entsetztliches Gelächter aus. Mein Vater öffnete die Tür zu ihrem Spiegelzimmer und ich erwachte.

Dienstag, 3. Januar 2012

Zeit


Die Zeit, die wir uns nehmen, und die andere Zeit, die wir uns nicht nehmen lassen. Ein Elefant, der an Märchen glaubt und die Rolle, die Stöckelschuhe dabei spielen.
Die Zeit vergessen, und den Rest sowieso.
Kein Fleisch essen, weil sogar Elefanten ohne Fleisch groß und stark werden. Aufhören, die Tage zu erzählen und anfangen sie zu erleben.
Die Berechtigung von Tränen anerkennen, ohne das „e“ mit dem „i“ zu verwechseln.
Treu sein und sich deshalb verändern.
Stehen bleiben, weil das manchmal die einzige Bewegung ist, mit der man weiterkommt.

Montag, 2. Januar 2012

Innen

Wie einfach die Beschreibungen werden, wenn man die Fenster schließt, nichts mehr eindringen lässt und nur nach innen sieht, in die Taschen von Hänsel, in denen immer noch die Kieselsteine liegen, die nicht aufgebrochen sind, um zu blühen. (Aber nächstes Jahr. Bestimmt im nächsten Jahr.)
Alles ist noch da. Der Hunger. Die Sehnsucht. Sogar die Hoffnung hält eine Weile still und atmet aus.

Sonntag, 1. Januar 2012

O1. Januar 2012

Ein bisschen leiser werden möchte ich und mir seltener selbst ein Bein stellen.
Dafür besser zuhören und Geduld haben mit mir und dem Leben.
Die Köhärenzdrüsen pflegen.

Samstag, 31. Dezember 2011

Nachtsicht


Die kleine Frau trägt schwarz, damit sich das Kind neben sie setzt. Dem Kind rieselt der Sand aus den Haaren. Der kleinen Frau läuft die Zeit aus. Sie setzt auf das Schiff, das nur ein Boot ist, aber das Kind hat es angemalt.
Sie werfen Schatten, alle beide. Die Frau und das Kind. Und weil die Schatten so gesprächig sind, ist es ihnen erlaubt zu schweigen. Sie streifen einander mit einem Blick und fallen zurück ins Vergessen. Dieser Punkt dem die Zukunft nichts zutraut. Und gerade deswegen so vertraulich danach sucht. Schwarz ist so eine schwere Farbe, sagt das Kind und die kleine Frau nickt und lässt den Sand durch ihre Finger gleiten. Die Farben, denkt die kleine Frau, wo sind die Farben hin? Die Haut des Kindes ist weiß, weiß ist der Sand, sind die Wolken am Himmel. Vier Farben weiß, und dass es noch andere Farben gegeben hat, denkt die Frau, aber die hat sie vergessen. Das Weiß des Schnees und wie er langsam immer dunkler wird, bevor er verglüht, unsichtbar, durchsichtig. Die Haut unter dem schweren schwarzen Stoff, die Milch, auch die Milch war weiß, die Zähne, die Brüste, der Leib.
Die Haare, auch meine Haare sind weiß, denkt die kleine Frau. Das Kind lächelt, als ob es versteht.
Weiß die Muscheln um sie herum. Weiß der Hund, der hinten am Horizont über die Dünen springt. Seine Bewegungen.
Weiß die Knochen, der Mond. (Das gleißende Geläut der Vergangenheit). Wie riecht das Weiß?, fragt das Kind, und wie hört es sich an?
Willst du das wirklich wissen?, fragt die Frau, Sand in den Haaren, den Ohren, auf ihrem Kleid. Und das Kind wiegt sich zum Rauschen der Wellen. Der Hund legt seine Schnauze auf die Pfoten und schläft ein.
Kann man es riechen?, fragt die Frau und dann sehen beide aufs Meer. Wie viele Mal ist die Sonne jetzt schon untergegangen und immer mit dem Versprechen sie geht nie wieder auf. Und das Weiß ist nichts als eine Erinnerung. Ohne Klang. Ohne Duft. Nur ein Wort.

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Zuletzt aktualisiert: 6. Apr, 12:59

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